geh nicht nur die glatten Straßen, geh Wege die noch niemand ging,

damit Du Spuren hinterläßt und nicht nur Staub              > Antoine de Saint Exupéry <

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Tattoos begleiten die menschliche Entwicklung über viele Jahrhunderte, ja Jahrtausende. Sie ist seit je her Zeichen einer Lebensform, einer bestimmten Philosophie und ein Symbol für die Suche des Menschen nach einer eigenen Identität, um sich gegen andere Identitäten und manchmal auch gegen die von der Gesellschaft gewünschte Uniformität abzugrenzen. In vielen Kulturen und Gesellschaften wurde der Mensch erst durch die Tätowierung zur sozialen Persönlichkeit und somit zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft.                 

Waren Tätowierungen früher eine Lebensäußerung sozialer Randgruppen, umgeben von einem Hauch des Verwegenen, so hat das Tattoo-Fieber inzwischen Menschen in allen Gesellschaftsschichten und Altersstufen gepackt und kann zu Recht als eine Art Körperkunst bezeichnet werden. Aber auch wenn die meisten der tätowierten Muster und Motive soziale und kulturelle Bedeutung besitzen, so sollten sie doch gleichfalls das Bedürfnis nach Ästhetik und vielleicht Erotik der Menschen befriedigen. Über ihre Eigenschaft als Körperschmuck hinaus sind Tätowierungen ein Symbol für den Lifestyle - sie sind Ausdruck der Lust am Leben.

Das Wort "Tätowierung" ist wesentlich jünger als seine Technik. Nachweisbar kennt der Mensch das Tätowieren bereits seit der Frühzeit. Das im Deutschen heute gebräuchliche Wort "tätowieren" leitet sich vom englischen Wort "tatow" her. Der englische Seefahrer und Entdeckungsreisende James Cook beschrieb auf seiner ersten Reise in den südpazifischen Raum (1769) den Brauch der Tätowierung, den die indigene Bevölkerung Tahitis als "Ta-tatau" bezeichnete. "Ta-tatau" beschreibt dabei noch das Geräusch das entsteht, wenn man mit einem Stein das spitze Ende eines Knochens in die Haut eintreibt. Aufgrund einer falschen Einbürgerung des Wortes in die deutsche Sprache entwickelte sich er Ausdruck "Tatauierung" sowie "Tätowierung".

Die "künstlerische Äußerung" der Tätowierung bei den verschiedenen Kulturen hat sich selbstständig und  voneinander unabhängig entwickelt, sodass es keinen genauen geografischen Ursprung der Tätowierung gibt. Auch die zeitlichen Anfänge des Phänomens liegen im Dunkeln, zumal exakte Belege dafür fehlen.

In Europa gibt es Funde von Skulpturen und Zeichnungen aus der Altsteinzeit, die auf das Vorhandensein von Tätowierungen schließen lassen. Die zurzeit älteste bekannte Tätowierung auf einem menschlichen Körper besitzt die Eismumie "Ötzi" dessen Alter Wissenschaftler auf ungefähr 5300 v. Chr. zurück datieren. Auf dem steinzeitlichen Körper über 40 Tätowierungen zu finden war nahezu sensationell und zeugt von der Unvergänglichkeit dieses Körperschmucks.

Nachdem die Kelten in den Jahren 200 v. Chr. bis 600 n. Chr. ihre Kultur über Nordwesteuropa ausgebreitet hatten (sie pflegten nackt zu kämpfen und schockierten ihre Gegner durch Ganzkörper-Tätowierungen), starb die keltische Tradition mit dem Sieg der abendländischen "Hochkultur" aus.

Durch das Interesse an der Tradition der Tätowierung bei fremden, außereuropäischen Kulturen, das die Abenteurer und Seefahrer im 18. Jahrhundert weckten, entstand in Europa der Drang nach eigenen, kulturellen Wurzeln, die in die Tätowierung eingebracht werden konnten.

Was lag also näher als die an Mythen und Legenden reiche Keltenzeit und die aufwendigen Flechtwerkmotive des frühen Mittelalters als Inspiration zu verwenden und die Stilrichtung des "Keltischen Tattoos" zu kreieren.

Anlässe für eine Tätowierung sind in den Kulturen, welche die Tätowierung kennen, vielfältig. Vielerorts hat sich die Tätowierung als Verschönerungsmittel vor allem zur Anziehung des anderen Geschlechts eingebürgert. Andere Gründe können Trauer oder Freude, Sieg oder Niederlage sein. Ebenso können Tätowierungen Bestandteil einer Zeremonie oder eines Rituals sein. Eine bestimmte Mondphase, Sternbild oder eine Jahreszeit kann den geeigneten Zeitpunkt für eine Tätowierung bestimmen. Darüber hinaus können Tätowierungen als nicht sprachliche Kommunikation über Heldentaten, erfolgreiche und gefährliche Jagden, Expeditionen, Wanderungen, Besitz, Talent, Ehestand, Mut und Kraft, Erfindungsreichtum und Durchhaltevermögen fungieren. In Europa, wo die Tätowierungen vielfach unter Kleidung versteckt liegen, erfüllen sie nicht immer einen eindeutig bestimmbaren Zweck.

Eines haben die verschiedenen existierenden Techniken des Tätowierens gemeinsam: bei jedem Tätowiervorgang werden auf mechanische Weise - durch Zupfen oder Einklopfen - Farbpartikel in die Haut eingebracht. Auch das Einritzen der Haut mittels eines Messers ist bekannt. Um diese dauerhafte Veränderung der Haut hervorzurufen, wird die Oberhaut verletzt und die Farbpartikel bis in die darunter liegende Lederhaut eingebracht. Je nach geographischer Lage und kultureller Zugehörigkeit existiert eine große Vielfalt an Tätowierinstrumenten und -Techniken mit jeweils eigenem Charakteristika.

Die traditionellen polynesischen Werkzeuge zur Herstellung von Tätowierungen sind ein Meißel und ein Holzstöckchen. Der Meißel aus Vogelknochen, Perlmutt, einem Hai- oder einem Walzahn wird spitz zugefeilt, mit einem aus Nüssen gewonnenen schwarzem Farbstoff beträufelt und mit Hilfe des Stöckchens in die Haut geklopft. In Neuseeland und im Pazifikraum wird eine Art Hammer mit Nagel verwendet, in dem eine lange Nadel auf und ab gestoßen wird. Bei der japanischen Technik der Tätowierung werden mehrere feine Nadeln in einen Holzstab getrieben. Aber auch Dornen und Kakteenstachel (Maya und Azteken) wurden verwendet. Die Inuit bearbeiteten ihre Haut mit rußigen Fäden, die sie mit einer Nadel unter der Haut durchzogen.

Unter diesen Tätowiertechniken ist die Stich-Tätowierung am weitesten verbreitet, während die Näh-Tätowierung als auch die Bildung von Ziernaben weniger häufiger zu finden ist.

Im Laufe der Jahrtausende verfeinerte sich die Technik des Tätowierens. Im Zuge der technischen Entdeckungen gelten der ursprünglich von Thomas Edison (1877) als Gravurgerät entwickelte "Electric Stencil Pen" als Vorläufer der Tattoo Maschine. Die heute in der westlichen Welt verwendete Tätowiermaschine wurde erst einige Jahre später (1891) durch den amerikanischen Tätowierer Samuel O´Reilly erfunden und als "Tattooing Machine" patentiert.

Der einfache, robuste Mechanismus gleicht einer Türklingel. Das Herzstück besteht aus einem Spulenkörper, der eine so genannte Nadelstange durch Elektromagnetismus rasch auf- und ab bewegt. Am Ende dieser Nadelstange befinden sich eine unterschiedliche Anzahl sehr feiner Tätowiernadeln, zwischen denen sich die Farbflüssigkeit durch Kapillarkräfte hält. Je nach Maschine und Tätowiertechnik (Linien, Schattierungen) bewegt sich die Nadelstange einige hundert bis tausend Male pro Minute auf und ab. Sowohl durch die Wahl der Anzahl der Tätowiernadeln als auch der Stichfrequenz kann man den Schriftzug beeinflussen. Die vibrierenden Nadeln sorgen für gleich bleibenden Druck und gleichmäßige Farbführung. Die Tiefe der Einstiche kann der Hautdicke an den verschiedenen Körperstelen angepasst werden.

Die Arbeit wird im Allgemeinen mit dem Nachziehen der Umrisslinien begonnen. Nach dem Konturieren werden die Schattierungen eingebracht, die eine räumliche  Wirkung des Motivs erzielen. Zuletzt kommen die homogenen Flächenfarben. Je nach Motivgröße, Farbigkeit und Stil dehnt sich die Sitzung zeitlich in die Länge, aber auch durch die gewählte Körperstelle wird die Dauer des Tätowiervorgangs beeinflusst.

Aufwendigere Arbeiten werden häufig in mehreren Sitzungen fertig gestellt. Es können verschiedene Farbtöne zum Einsatz kommen. Die Palette der Farben reicht von Schwarztönen über Blautöne, Grüntönen, Rottöne, Gelbtönen bis hin zu Violett und Weiß.

Beim professionellen Tätowieren werden die Farbpigmente entlang der einstechenden Nadel durch die dünne Oberhaut (Epidermis) hindurch bis in die darunter liegende und deutlich dickere Lederhaut (Dermis oder auch Cutis) eingebracht.

Die Farbpartikel die während des Tätowiervorgangs in die Oberhaut gelangen werden zum Teil mit dem Wundschorf abgestoßen, teilweise durch die Regeneration der Epidermis ausgeschieden. Da die Oberhaut sich ständig erneuert (ein kompletter Regenerationszyklus dauert ca. 4 Wochen), verschwinden auch Farbstoffe, die nur in die oberste Hornschicht eindringen, z.b. bei Henna-Bemalungen, nach ca. 4 Wochen völlig.

Der ideale Ort für die dauerhafte Ablagerung der Farbpartikel ist deshalb das Unterhautgewebe (und zwar in den Fibroblasten) In dieser Hautschicht werden die Farben weder abgebaut noch weiter transportiert und sind klar und deutlich zu erkennen.

Von derzeit angebotenen so genannten Bio Tattoos oder Temptoos ("temporäre Tätowierungen") wird behauptet, dass sie lediglich in die Oberhaut gestochen werden und somit nach einigen Jahren wieder verschwinden. Doch würden diese tatsächlich nur in die Oberhaut gelangen, würden sie im Zuge des natürlichen Heilungs- und Regenerationsprozesses der Haut abgestoßen werden und nach ca. 4 Wochen verschwinden. Farbpigmente die länger sichtbar sind, wurden in die darunter liegende Hautschicht (Dermis) dauerhaft eingebracht und halten damit ein Leben lang.

Es ist allerdings  nicht völlig unmöglich eine Tätowierung wieder zu entfernen. Dies geschieht heutzutage größtenteils durch Laser-Bestrahlung. Durch die Energie des Lasers werden die Farbpartikel wieder aus den Zellen "herausgesprengt" in die sie eingelagert waren. Die dabei entstandenen Farb- und Zellbruchstücke werden dann durch die Blutbahnen und das Lymphsystem abtransportiert. Die oberflächlich sichtbare Tätowierung ist damit zwar verschwunden, Pigmentrückstände in den Lymphknoten sind aber ein Leben lang nachweisbar.

Ungewolltes Verschwinden von Tattoos kann entstehen, wenn bei der Tätowierung Farben minderer Qualität verwendet wurden. Solche können unter Entwicklung von UV-Strahlen ausbleichen oder die Haut kann an diesen Stellen ihren natürlichen Farbton wiedergewinnen. Dieser Prozess geht allerdings nicht gleichmäßig vonstatten und lässt sich nicht vorhersagen in welchem Zeitraum und in welchem Ausmaß ein derart sonnenbestrahltes Tattoo verblasst. Darüber hinaus sind es auch nur bestimmte Farben wie Rot oder Gelb, die völlig ausbleichen. Dunkle Farben können durch UV-Bestrahlung über einen langen Zeitraum ebenfalls an Farbintensivität verlieren, völlig verschwinden werden sie aber nie.

Auch an professionell ausgeführten Tattoos und unter Verwendung hochwertiger Farben geht die Zeit nicht spurlos vorbei. Die oft sehr intensiven Farben frischer Tattoos können in den ersten Monaten um ein paar Nuancen blasser werden, ein Vorgang der sich nicht vermeiden lässt. Durch gute Pflege und UV-Schutz kann man sich aber auch nach vielen Jahren und Jahrzehnten an seinem Körperschmuck erfreuen.